Tagebuch schreiben ist ein Weg, gedanklich alles loszuwerden was loszuwerden ist. Keiner außer man selbst kann aufgeführte Gedankengänge kritisieren. Positive wie negative Dinge lassen sich leichter verarbeiten, Ursachen von Problemen können durch intensiveres Nachdenken ausfindig gemacht, gebessert bis gelöst werden. Schreiben lässt einen im Moment leben. Schreiben fördert die Kreativität.
Zudem
wird mit jedem Buch das sich füllt ein Kapitel des eigenen Lebens
festgehalten. Das Lesen alter Tagebücher bringt Nostalgie, ein schönes
Gefühl.
Tagebuch schreiben bedeutet also nicht das kühle dokumentieren der Tagesereignisse. Das kann ein Teil davon sein, aber ist nicht alleiniger Sinn der Sache. Es sei denn das ist dein Ziel. Ansonsten ist Sinn der Sache ist der, wirklich zu schreiben, was einem durch den Kopf geht. Was einen beschäftigt oder auch nicht beschäftigt. Was man hört, riecht, sieht.
Und wenn gerade etwas negatives passiert ist, ist das Bedürfnis des Loswerdens meist ziemlich groß, da hilft Niederschreiben alle Mal, wenn man noch nicht bereit ist, mit jemandem darüber zu sprechen. Und hat man das negative Ereignis niedergeschrieben, kann es nocheinmal durchgelesen werden und man kann in Ruhe überlegen, was zu tun ist. Das ebenfalls aufschreiben.
Passiert gerade nichts "relevantes" in deinem Leben - Blicke tiefer
hinab auf die wabernden Zeilen und schreib: " Die Zeilen sind viel zu
lang für meinen Geschmack" oder "Zeilen sind eine kühne Erfindung."
Einfach wirklich die Worte niederschreiben, die im Kopf vorgehen. Du kannst auch eine Seite lang "Zeile, Zeile, Zeile, Zeile, Zeile, Zeile,..." schreiben. Kopfgedanken sind immer da. Drauf losschreiben. Es bildet sich schon etwas.
Um konkret zu werden kommt hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, mit Extraideen für mehr Input.
Step by Step
1. Besorg ein Buch, besorg nen Stift. Doch bevor du dir das neuste, teuerste Buch kaufst, schau Zuhause nach Notizbüchern, deren erste drei Seiten die einzig Beschriebenen sind. Oder nach unbenutzten Schulheften. Gerade am Anfang, wo der Enthusiasmus schnell nachlässt sollte nicht allzu viel Geld ausgegeben werden. Eine weitere Möglichkeit ist ein alter Roman. Male alle Seiten mit weißer Acrylfarbe an, das funktioniert gut. Bloß wird das Seiten anmalen irgendwann anstrengend (Zeit des Trocknens) und fühlt sich wie Farbverschwendung an. Und wenn es ein hohes Buch ist, wird das Schreiben auf Dauer anstrengend.
2. Klemme das Buch zwischen zwei Fingern fest, schreibe etwas auf die Seite des Papierblocks. Etwas wie "No.1" oder "2020 - " (wenn du mehrere Jahre daran arbeitest fügst du die zweite Jahreszahl bei Vollendung des Buches ein). Überlege, ob du einen Index möchtest. Wenn ja, am Beginn oder am Ende? Lasse die entsprechenden Seiten frei. Und eine Fazit Seite am Ende? Auch die frei lassen. Beginne die ersten Zeilen zu füllen. Datum, Uhrzeit - Warum willst du schreiben? Um dein Leben zu dokumentieren und nichts mehr zu vergessen? Um ungehindert alles rauszulassen, was dich beschäftigt? Um es mal gemacht zu haben? Erstelle eine Liste die du dir immer dann durchliest, wenn du frustriert jammernd am Aufgeben bist. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden, so fällt es leichter, Ziele zu verfolgen und Ursachen des Haperns schneller ausfindig zu machen.

3. Versuche, jeden Tag wenigstens einen Satz zu schreiben. Empfehlenswert ist das Schreiben direkt nach dem Aufstehen. Da ist man viel konsequenter als am Abend, wo der Schlafplatz ruft. Mich brachte das Schreiben am Morgen in den Sog des Daily Journalling. Daher lautet die Empfehlung: Jeden Morgen eine Seite Drauf-Los-Schreiberei. Direkt nach dem Erwachen. Auch wenn die Schrift so etwas krakeliger ist. Schreibe auch Abends, wenn dir danach ist. Schreibe generell dann, wenn dir danach ist. Nehme dein Buch überallhin mit und zwinge dich morgens zu wenigstens einem Satz. Wenn es zur Gewohnheit wird und du dadurch das wohltuende Bedürfnis danach entwickelst, bist du wohl am Ziel - Wenn dies dein Ziel war. Experimentiere. Mit dem Layout der Einträge, mit dem was du schreibst (Extra-Arbeit sozusagen, damit ist nicht das ungeplante Gedankenschreiben gemeint), mit Reinklebobjekten,...
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Privatsphäre: Wichtig ist die Sicherheit, dass keiner in dein Buch schielen wird. Klar kann es passieren, aber das sollte dich beim Schreiben nicht einschränken. Das Schreiben ist wirklich zum Öffnen da. Du öffnest dich dir selbst. Es werden Dinge drinstehen, die dich verletzlich machen. Wenn du dir sicher sein willst, dass keiner es lesen wird sprich mit den Leuten darüber, dass es dir wichtig ist diesen Raum zu haben. Reife Menschen werden Verständnis zeigen. Du kannst dir auch einen alten Lederkoffer mit Schloss besorgen (wenn er keines hat, bringe es selbstständig an), in welchem du all deine Bücher verstaust. Irgendwann wird es dann einen Raum voll solcher Koffer geben.
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Extraideen für den Inhalt deines Journals
Random Sätze; Beispiel: "...ja, das hat mich sehr traurig gemacht. Die Noppen an der Wand lachen. Immerhin haben wir uns lang nicht mehr gesehen, und..."
Gedichte; Seien sie noch so grottig. Hauptsache es reimt sich. Hauptsache es ist rhytmisch. Oder probiers mal mit Stabreimen. Versuche dich an Poesie. Auch wenn du absolut unpoetisch bist. Übung macht den Meister.
Fotos; Mache Fotos mit einer Digitalkamera und drucke die Bilder im Drogeriemarkt direkt von der Speicherkarte aus aus. Lösche die Bilder im Anschluss. Nun sind sie etwas Besonderes und nur in deinem Tagebuch zu finden.
Zeichne; Wenn dich dein Journal überall mit hinbegleitet, kannst du es auch als Sketchbook verwenden. Zeichne Leute, Landschaften, Häuser, Autos, Zigarrettenstummel, irgendwas eben. So verbesserst du deine Zeichen-Skills.
Collage; Nimm dir Altpapier zur Hand und bilde Bildkombinationen. Mache das nicht zu oft, sonst kannst du dein Buch nicht mehr schließen. Und der Transport wird auch immer schwerlicher.
Einträge anderer; Lass andere etwas hineinschreiben. Bestenfalls auf eine Leere Seite, dann sehen sie nichts Geschriebenes. Aber steh daneben und pass auf, dass sie nicht durchblättern.
Index; Füge ein Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches hinzu. Schreibe dafür Aufwärtszahlen auf jede Seite und finde eine kurze Beschreibung für jeden Tag. Ist eine anstrengende Sache und kann auch negative Erinnerungen zurrückbringen. Aber es dient der Überschaubarkeit.
Kreative Schreiberei; Schreibe drauf los. Aber nicht deine Gedanken, sondern eine Geschichte. Wenn es dir schwer fällt kannst du random Wörter aus einem Buch nehmen, blättere es dazu durch und tippe irgendwo auf den Text. Fahre mit dem Finger zum nächsten Nomen und verwende dies als Thema.
Einkleben: Tickets; Teeetikette; Briefe; Einkaufszettel;...
Wie ist es, in deiner Zeit zu Leben? Was sind aktuelle Trends? Was sind aktuelle politische Situationen? Was sind deine aktuelle Interessen? Klebe Bilder/Zeitungsartikel hinein, beschreibe die Mode, skizziere die neuste Technik.
Wie stellst du dir die Zukunft vor? Deine Zukunft? Welcher Beruf, welche Reisen, eine Familie, Schicksalsschläge? Die Zukunft der Menschheit wenn du 90 bist? Wenn du nich mehr bist? Erstelle Listen, zeichne dich als Oma, verfremde dein Gesicht per Programm zu einem Alten, drucke es aus und klebe es in dein Buch.
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Ein neues Journal starten.

Wenn es tatsächlich geschafft ist, das erste Tagebuch, ist es Zeit zum Weiterziehen. Schreibe deine letzten Worte in diesem Kapitel deines Lebens. Schreibe das Fazit jenes Kapitels auf die Fazitseite. Je nach Bereitschaft kenn der Index erstellt werden. Andernfalls nach einiger Zeit, wenn schlechte Ereignisse schon länger zurück liegen. Nimm das neue Journal zur Hand. Schreibe deinen Namen hinein. Schreibe deine Mail-Adresse hinein, falls es denn verloren geht. Lass Platz für Index und Fazit. Datum; Uhrzeit;
erste Seite.